
10.1.2023 – Krankenkassen wollen freie Arztwahl verteuern
Prämiensystem Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung nimmt Einschränkungen bei der Wahl der Ärztin oder des Arztes in Kauf. Für den Krankenkassenverband Santésuisse ist die Zeit jetzt reif für einen Systemwechsel.
Anmerkung Initiant: Die neue Einheits-Krankenkasse EKK für monatlich 150 Franken, kennt keine Selbstbehalte, keine Franchise, Kinderprämie=0, keine Einschränkungen, selbst der Zahnarzt ist (ausser Reinigung) gratis. Die freie Arztwahl ist hier sogar notwendig. Grund: Sofort, wenn bei EKK eine Arzt- oder Spitalrechnung eingeht, erhält der Patient oder sein Bevollmächtigter per Mail eine zweisprachige Orientierungskopie (Lokalsprache plus Muttersprache des Patienten). Der Patient hat die Pflicht, das Dokument zu lesen und mit den drei Möglichkeiten „Alles richtig und zufrieden“ – „teilweise zufrieden“ – „unzufrieden“ zu bewerten. Falls „Alles richtig und zufrieden“ angeklickt wird, erfolgt die umgehende Zahlung durch EKK. Andernfalls muss der Arzt den Patienten nach dem Grund seiner Einwände fragen und EKK eine korrigierte Rechnung mitsamt einer Erklärung zustellen. Das erneut angeforderte Einverständnis des Patienten ist unumgänglich. Erfolgt dies nicht, entscheidet EKK und zahlt, was sie für richtig findet.
Fabian Renz
Den Schweizerinnen und Schweizern war es viele Jahre lang ein heiliges Prinzip: Wenn sie krank wurden, wollten sie selber entscheiden, ob sie einen Allgemeinpraktiker oder direkt eine spezialisierte Fachärztin aufsuchen. Möglich machte das die Schweizer Gesetzgebung, die in der obligatorischen Krankengrundversicherung die freie Arztwahl vorsieht. Wie neue Zahlen nun aber zeigen, ist es nur noch eine kleine Minderheit, die sich diese Wahlfreiheit offenhält. Drei von vier Versicherten nehmen inzwischen freiwillig Einschränkungen in Kauf, um bei den Prämien zu sparen.
Für Santésuisse ist damit die Zeit reif für einen Systemwechsel. Der Kassenverband fordert, dass Bundesrat und Parlament die sogenannten Gatekeeper Modelle zum neuen Standard erklären. Gemeint sind jene Versicherungsformen, bei denen man sich verpflichtet, im Krankheitsfall zuerst den Hausarzt oder etwa eine Netzwerkpraxis zu konsultieren. Wer weiterhin auf der freien Arztwahl beharren will, muss mit höheren Versicherungskosten als heute rechnen. Die Idee stösst allerdings nicht auf ungeteilte Zustimmung. «Eine vom Gesetz verordnete Einschränkung der freien Arztwahl können wir nicht unterstützen», sagt SP-Nationalrätin Barbara Gysi. «Der Vorschlag von Santésuisse ist darum abzulehnen.» Seite 5
Seite 5 Schweiz
Die freie Arztwahl wird zum Auslaufmodell
Schweizer Prämiensystem Wie neue Zahlen zeigen, verliert die uneingeschränkte Wahl der Ärztin oder des Arztes für viele Versicherte an Bedeutung. Wer weiterhin daran festhalten will, soll nach Ansicht der Krankenkassen künftig mehr bezahlen.
Mit den stechenden Ohrenschmerzen zur Hausärztin – oder lieber doch direkt zum Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten? Wer nach altem Standardmodell versichert ist, kann hier nach eigenem Gusto entscheiden. Die freie Wahl der Ärztin oder des Arztes ist eine Besonderheit der Schweizer Gesetzgebung zur obligatorischen Krankenversicherung. Eine Besonderheit, die der Bevölkerung lange Jahre heilig war: Vor einem Jahrzehnt noch scheiterten Bundesrat und Parlament mit dem Versuch, ein neues Standardmodell mit eingeschränkter Arztwahl (Managed Care) einzuführen, am Referendum.
Doch die Zeiten haben sich geändert, wie neue Zahlen zeigen: Faktisch hat die freie Arztwahl für die Menschen im Land erheblich an Bedeutung verloren. Drei von vier Versicherten nehmen demnach Einschränkungen in Kauf. Dies geht aus Daten des Bundesamts für Gesundheit hervor, die der Krankenkassenverband Santésuisse aufbereitet hat und die dieser Redaktion vorliegen.
Noch im Jahr 2011 war die Bevölkerung quasi hälftig gespalten. Rund 50 Prozent waren gemäss normalem Modell mit kompletter Wahlfreiheit versichert. Die andere Hälfte hatte sich damals schon für eine alternative Versicherungsform entschieden – etwa mit Ärztenetzwerken oder einer Hausärztin als obligatorische Ansprechpartner bei Krankheit. Seither sind die Alternativmodelle stetig beliebter geworden. Gemäss den neusten greifbaren Daten von 2021 waren es zuletzt nicht weniger als 4,8 Millionen Frauen und Männer, die auf die herkömmliche freie Arztwahl verzichteten. Das sind fast 75 Prozent aller Versicherten.
Gegen das «Ärzteshopping»
Der Grund für diese Entwicklung liegt auf der Hand: Wer in ein alternatives Modell wechselt und auf einen Teil seiner Wahlfreiheit verzichtet, darf mit Prämienrabatten rechnen. Wer sich hingegen die ganze Auswahl offenhalten will, bekommt das Prämienwachstum im vollen Ausmass zu spüren.
Für Santésuisse ist die Zeit nun reif für einen Systemwechsel. «Unser Krankenversicherungsgesetz basiert auf einem Modell, das für die allermeisten Leute nicht mehr gelebte Realität ist», sagt der stellvertretende Direktor Christoph Kilchenmann. Er fordert, dass Bundesrat und Parlament die sogenannten Gatekeeper-Modelle zum neuen Standard erklären – jene Versicherungsformen also, bei denen man sich verpflichtet, im Krankheitsfall statt der teuren Fachärztin
Zwischenbemerkung des EKK-Initianten:
Fachärzte dürfen gemäss Tarmed Tarif 00.0010 nicht teurer sein als ein Allgemein-Mediziner. Bitte lesen Sie im unteren Teil unter „Medizinische Interpretation“, was im Arzthonorar von 200 Franken pro Stunde alles enthalten ist. Zum Vergleich: Schutz und Rettung Zürich verlangt für Notfallärzte „nur“ 120 Franken pro Stunde
zuerst den Hausarzt, eine Netzwerkpraxis oder eine andere Erstanlaufstelle zu konsultieren.
Eine Konsequenz dieser Forderung: Wer weiterhin auf der freien Arztwahl beharrt, müsste künftig wohl mehr als heute bezahlen. Umgekehrt würden all jene entlastet, die sich für ein Gatekeeper-Modell entscheiden, sagt Kilchenmann: «Die kleine Minderheit, die im alten Standardmodell verblieben ist, verantwortet einen wesentlichen Teil des Kostenwachstums. Es gibt Versicherte, die ein regelrechtes Ärzteshopping
Zwischenbemerkung des EKK-Initianten:
EKK sanktioniert Ärzte, welche das Ärzteshopping bewusst unterstützen. Dem Personenstamm jedes Versicherten ist sein Patientendossier angegliedert. Dieses wird der Arzt anlässlich der Anamnese konsultieren. Da wird missbräuchliches Ärzteshopping sofort ersichtlich.
betreiben.»
Der Santésuisse-Vorschlag diszipliniere (wie auch, ich habe nichts Solches gesehen?) auch Ärztinnen und Ärzte sowie Spitäler, betont Kilchenmann: Es entfielen Anreize, unnötige Kosten zu verursachen. «Für die Patientinnen und Patienten bleibt die Behandlung so gut wie heute. Wenn wirklich nur notwendige Behandlungen durchgeführt werden, stärkt das die Solidarität mit den Kranken.»
Widerstand programmiert
Nun liegen die Tücken eines Systemwechsels freilich in den hochkomplexen Details. Gesundheitsminister Alain Berset selber schlug unlängst die Einführung von Erstanlaufstellen vor – und stiess damit auf breiten Widerstand, auch bei Santésuisse. «Das Problem an Bersets Vorschlag war, dass er zu enge Kriterien für die Erstanlaufstellen definierte», erklärt Kilchenmann. «Wir wollen die heutige Vielfalt an Lösungen erhalten. Es soll beispielsweise auch möglich sein, sich als Erstes telefonisch beraten zu lassen.» Juristisch wäre das machbar, so Kilchenmann. Man habe dies in einem Rechtsgutachten abklären lassen. Eine solche Lösung, glaubt er, hätte auch in einer Volksabstimmung eine Chance. «Bei der Managed-Care-Abstimmung hatten viele Leute Angst, dass sie nun lebenslänglich auf ein Modell festgelegt würden. Mit unserem Vorschlag wären diese Sorgen unbegründet.»
Was sagt der Ärzteverband FMH als quasi natürlicher «Gegenspieler» der Krankenkassen zu der Idee? FMH-Präsidentin Yvonne Gilli äussert sich vorsichtig. Sie beurteilt die Gatekeeper Konzepte im Prinzip positiv: Diese hätten zu höherer Qualität für die Patientinnen und Patienten geführt. Wenn der Bundesrat die entsprechenden Modelle attraktiver gestalten wolle, habe er genug Möglichkeiten. Gilli hält aber auch fest: «Freiwilligkeit für diese Modelle ist weiterhin wichtig und war bisher einer der Erfolgsfaktoren.»
Deutlicher wird SP-Gesundheitspolitikerin Barbara Gysi. Man sei zwar offen gegenüber Gatekeeper-Modellen, und auch eine bessere Koordination der Akteurinnen und Akteure sei wünschenswert. «Eine vom Gesetz verordnete Einschränkung der freien Arztwahl können wir aber nicht unterstützen», betont Gysi. «Der Vorschlag von Santésuisse ist darum abzulehnen.» Politische Auseinandersetzungen um das Prämienmodell der Zukunft scheinen damit unvermeidlich.
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